Geboren in Yono-shi, Japan, 1947
Verstorben in Tôgane, Japan, 2003

Linien durchkreuzen den imaginären Raum


Koichi Nasu kam nach Deutschland, als er sich gerade in einer Aufbruchphase befand, so dass ihn vieles, was ihn beeindruckte, auch beeinflusste. Doch sehr bald fand er in neu gewonnenem Abstand zu seinem eigenen Weg zurück, und dieser bedeutete die Linie; die Linie, in Polarität gesetzt zu einem imaginären Raum in der Zweidimensionalität der Fläche, asymmetrisch geteilt durch Kreuzungen, Winkel, Diagonalen. Das heißt sie öffnen ohne Raumillusionismus die Fläche zu einem tektonischen Raum, und doch bleibt die Fläche als solche bestehen.


Durch diese Linien in fast geometrischer Strenge entstehen Arbeiten von einer kühlen, unpersönlichen Schönheit. Das ist es, worauf es Nasu ankommt: es soll ihn zur Befreiung seines Ichs führen und ihm eine gewisse Unabhängigkeit von sich selbst verschaffen, um nicht der Gefahr einer zwanghaften Ich-Bezogenheit oder exaltierten Spontaneität zu verfallen, die er in der augenblicklichen europäischen Kunst zu beobachten meint.


Dass er dabei nicht in das Statische des europäischen Konstruktivismus gerät, ist seiner Fähigkeit zu verdanken, den Linien bei aller Strenge eine gewisse, leise vibrierende Lebendigkeit zu verleihen. Diese aktive Beteiligung der Linie erreicht Nasu durch eine selbst entwickelte, komplizierte Technik, wobei das Material, das ihm immer wichtiger wird, der entscheidende Ausgangspunkt ist. Auf mit Acryl grundiertem Nessel zieht er bereits die erste Linie. Dann deckt er darüber japanisches Papier, das durch seine Struktur so elastisch wie transparent ist. Auf die folgende Acrylschicht setzt er weitere Linien und wiederholt das mehrere Male. Auch können dann oft Farben hinzutreten, bis er schließlich mit scharfem Graphitstift die ihm wichtigsten Linien nachzieht, tief eingräbt. Dadurch und besonders durch die bei vielschichtigen Arbeiten sich wölbenden »Furchenränder« entsteht zudem eine Schattenwirkung, die ebenfalls zur Verlebendigung der Linie beiträgt. Als letztes wird die Bildfläche geschliffen, um ihr die Transparenz des Papiers zurückzugeben.


Irmtraud Schaarschmidt-Richter