Artikel in der F.A.Z. Rhein-Main-Zeitung: Beglückende Kunst inmitten des ganzen Schlamassels

03.04.2020 / Chris­toph Schüt­te




F.A.Z., 03.04.2020, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 38

Beglückende Kunst inmitten des ganzen Schlamassels

FRANKFURT Kleiner Trost: Die traditionelle Tuschemalerei bei Japan Art ist wenigstens online zu betrachten

Was für eine Gelegenheit! Welch beglückende Begegnung! Und was für ein Jammer, dass diese wunderbare Ausstellung wegen eines winzig kleinen Virus kaum live gesehen werden wird. Viele Jahre fanden sich die Kunst der Gegenwart und die traditionelle japanische Tuschemalerei gleichberechtigt im Programm der Galerie Friedrich Müller, bis vor ein paar Jahren die Nachfrage nach klassischen, vornehmlich Landschaft, Vögel, Blumen und Pflanzen umkreisenden Sujets, wie sie die Kunst des Sumi-e seit Jahrhunderten prägen, deutlich nachgelassen hat.

Seither bestimmt vor allem die zeitgenössische Kunst des fernen Ostens seit der Nachkriegsmoderne das Ausstellungsprogramm, Künstler wie Hideaki Yamanobe etwa, Takesada Matsutani oder auch der an der Städelschule ausgebildete Masanori Toyoda nebst Geistesverwandten wie Raffi Kaiser oder Jürgen Schön. Und ausgerechnet jetzt, wo Christa Müller 16 Rollbilder und Papierarbeiten des Edo und der Meiji-Zeit zu einer höchst anregenden Präsentation zusammengeführt hat, wie man sie auch an diesem Ort schon eine Weile nicht gesehen hat, ausgerechnet jetzt wird diese so konzentrierte, so stille wie mitreißende Schau ihr Publikum nicht finden.

Und doch, sagte Müller, bevor sie ihre Galerie erst einmal schloss, sei sie "bei dem ganzen Schlamassel sehr froh, dass wir es mit so tollen Sachen zu tun haben". Und in der Tat, insofern hat es die Galeristin mit dieser kleinen Schau ausnehmend gut getroffen. Indes, für den interessierten Kunstbetrachter, der das Kakemono eines anonymen Meisters aus der Kano-Schule des 17. Jahrhunderts oder Seiko Okuharas "Maleratelier im Kiri-Wald" nur vom Trottoir aus und im Netz betrachten kann, ist das ein kleiner Trost.

Und für die herrlich reduzierten Papierarbeiten wie die "Zwei Sperlinge auf Weidenzweig", Hatsusais locker hingetuschte "Vier Krabben am Strand" oder Bokusais Ende der Edo-Zeit im 19. Jahrhundert entstandener "Krebs und kleine Garnele" in bescheidenem Format, für all die zarten Blätter oft anonymer Künstler also gilt es in noch verstärktem Maße. Eine Abbildung ist nun einmal etwas völlig anderes gerade bei jenen Arbeiten, deren Würdigung seitens des Betrachters ebensolche Klarheit, Ruhe und Konzentration fordert wie im Moment ihres Entstehens von Geist wie Hand des berühmten oder gänzlich unbekannt gebliebenen Meisters.

Der Trost, den die Kunst hier dem nach authentischer Erfahrung dürstenden Betrachter bieten kann, bleibt am Ende virtuell. Hilft ja nichts. Fürs Erste mag man es mit der Gyokusen Mochizuki zugeschriebenen "Zikade, auf einem Ast sitzend" halten, um sich geradeso wie diese auf einem Bambuszweiglein ein wenig in Gelassenheit zu üben. Der nächste Sommer kommt bestimmt.

CHRISTOPH SCHÜTTE.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

DIE AUSSTELLUNG in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller, Braubachstraße 9, ist bis auf weiteres geschlossen und nur teilweise von außen einsehbar. Einen schönen Eindruck der Werke erlaubt aber die Website der Galerie www.japan-art.com.

Dieser Artikel ist verfügbar bis zum 12.10.2020


April 7, 2020