Artikel in der F.A.Z.-Rhein-Main-Zeitung: Form im Raum. Jürgen Schön in der Galerie Müller

26.05.2021 / Christoph Schütte

Form im Raum
Jürgen Schön in der Galerie Müller


Eigent­lich braucht es das alles nicht. Nicht die Foto­gra­fi­en, wie wir vor Jahren bei einem Besuch in Dres­den dach­ten, und nicht einmal die wunder­ba­ren Skiz­zen­bü­cher, um sich dem Werk von Jürgen Schön zu nähern. Im Grunde, so mag man beim Besuch der Frank­fur­ter Gale­rie Fried­rich Müller verblüfft zur Kennt­nis nehmen, genügt schon ein Blick aus dem Fens­ter und auf das Museum für Moder­ne Kunst gleich gegen­über. Auf Fens­ter­bän­der, Fassa­den­glie­de­rung oder Arka­den, auf Säulen und Gesim­se und derglei­chen mehr der von Passan­ten leicht zu über­se­hen­de Details. Und schon sieht man die Welt mit ande­ren Augen.

Frei­lich, wie stets bei diesem Künst­ler setzt sich der Bezug zum jewei­li­gen Kontext der Ausstel­lung im Innern fort. Nischen, tote Winkel, Lüftungs­git­ter, Schwel­len, Trep­pen­stu­fen, Heizungs­roh­re: Was dem Betrach­ter oft verbor­gen bleibt, was sein Blick mitun­ter auch ganz einfach über­geht, das springt den 1956 in Riesa gebo­re­nen Schön nach­ge­ra­de an. Prosai­scher, möchte man meinen, redu­zier­ter, tatsäch­lich konkre­ter aber auch geht es beina­he nicht. Und ist ihm als reich­lich sprö­der Kata­log der Formen – als Kegel und Zylin­der etwa, als Drei­eck, Quadrat und Poly­eder – wie er sie in der Fläche, als Relief oder Objekt vari­iert, doch alle­mal bild­wür­dig genug.

All das kann man sehen, lässt man sich auf den Blick des Künst­lers auf die Welt, die Kunst und all die Dinge ein, die dem Menschen im urba­nen Raum begeg­nen. Und doch ist es die Auswahl seiner erst­mals über­haupt im Ausstel­lungs­kon­text gezeig­ten Foto­gra­fi­en und sind es Schöns aktu­el­le, wie stets auf seinen Reisen gefüll­te Skiz­zen­bü­cher, die allein schon den Besuch lohnens­wert erschei­nen lassen. Weni­ger, weil ohne sie die Zeich­nun­gen und Papier­ar­bei­ten, die Reli­efs oder Objek­te dem Betrach­ter fremd und unver­ständ­lich blei­ben müss­ten. Immer­hin geht es Schön in seinen vornehm­lich aus Papier­ma­ché gear­bei­te­ten Plas­ti­ken durch­aus um klas­sisch skulp­tu­ra­le Fragen.

Um leicht und schwer etwa, um Maß und Propor­ti­on und Dichte und Volu­men, um Struk­tur und Ober­flä­che und viel­leicht mehr als alles andere um den Raum. Längst aber haben sich die klei­nen schwar­zen Hefte und Schöns die Welt als Abstrak­ti­on vorfüh­ren­den Schwarz­wei­ß­auf­nah­men von ihrer dienen­den Funk­ti­on eman­zi­piert. Als eigen­stän­di­ge Werk­grup­pen, die mit ihren je eige­nen, dem Medium entspre­chen­den Mitteln um die nämli­chen Fragen krei­sen. Um Linie, Fläche, Winkel und die konkre­te Form im Raum.

Womit sich der klas­sisch figür­lich ausge­bil­de­te Bild­hau­er in eine Tradi­ti­on einreiht, die in der DDR einst eher wenig galt. Indes, wer heute in Dres­den seine Schrit­te ins Alber­ti­num lenkt, begeg­net nicht nur den Meis­ter­wer­ken, sagen wir, Wilhelm Lehm­brucks, Edgar Degas’ oder Augus­te Rodins, sondern auch den konstruk­ti­ven Faltun­gen des 1987 hoch­be­tagt gestor­be­nen Hermann Glöck­ner. Und, in direk­ter, wahr­haft glück­lich zu nennen­der Nach­bar­schaft, auch eines der „Objek­te“ von Jürgen Schön. Und einmal mehr sieht man die Welt mit ande­ren Augen.

Chris­toph Schütte


Die Ausstel­lung in der Frank­fur­ter Gale­rie Fried­rich Müller, Brau­bach­stra­ße 9, ist bis zum 2. Juni zu sehen. Indi­vi­du­el­le Termi­ne nach Verein­ba­rung unter 069/282839 oder per Mail unter info@japan-art.com.

F.A.Z., 26.05.2021, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 38
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Dieser Artikel ist verfügbar bis zum 27.11.2021

Mai 26, 2021