Artikel in der F.A.Z. Rhein-Main-Zeitung: Alles ist geträumt. Raffi Kaiser stellt bei Friedrich Müller aus

13.11.2021 / Chris­toph Schüt­te

F.A.Z., 13.11.2021, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 54

Alles wie geträumt

Raffi Kaiser stellt bei Friedrich Müller aus


FRANKFURT Es ist ein Missverständnis. Auch wenn man noch so oft glaubt, man kennte sich allmählich aus. Und folgte Raffi Kaiser gleichsam auf seinen ausgedehnten Wanderungen durch Frankreich, China oder Japan; blickte mit dem Künstler, sagen wir, in den Grand Canyon, auf einen Alpsee vielleicht oder in die Schluchten der Ardèche und tauchte mithin Strich um Strich in die aufs Papier geworfene Landschaft ein. Blatt um Blatt ein wenig mehr. Messen die gewaltigen Panoramen des im vergangenen Mai 90 Jahre alt gewordenen Künstlers, seine "Große Chinesische" oder "Die Große Französische Landschaft" doch schon einmal 40 oder 50 Meter.

Allein, diese Landschaft gibt es nicht, nicht so, und hat es nie anderswo gegeben als in der Fantasie. In der Erinnerung des 1931 in Jerusalem geborenen Künstlers, der sich seine Reisen, seine Welt im Grunde, mit Bleistift, Feder, gelegentlich auch Buntstift, im Augenblick des Zeichnens memoriert, vergegenwärtigt und erträumt. Eine Welt naturgemäß mit vielen weißen Flecken, geradeso, wie Kaiser sie vor mehr als vierzig Jahren gesehen und erfahren haben mag. Damals brach er erstmals zum Zeichnen in die Wüste Negev auf - und kehrte als ein anderer zurück. Damals und dort erst, mit bald fünfzig, wurde der in Tel Aviv und Florenz ausgebildete Maler zu dem Zeichner, als den man ihn seither ausschließlich kennt.

Da auch fand er zum Thema Landschaft, wie es - freilich mit deutlich bescheideneren Formaten - nun auch Kaisers aktuelle Ausstellung in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller dokumentiert. Mit Bildern fantastischer, keineswegs aber beliebiger, stets menschenleer erscheinender Natur, wie sie der seit Jahrzehnten in Paris lebende Künstler auf dem Papier ein zweites Mal erwandert und die er schauend, zeichnend, meditierend Gestalt annehmen lässt. Und, als hauchte er den Bergen, Tälern, Seen und noch der wie in dichten Nebel getauchten weißen Fläche Leben ein, mit Silberstift und brauner Tusche Blatt um Blatt beseelt. Ein Schöpfungsakt, wie ihn nur die Kunst vermag.

CHRISTOPH SCHÜTTE.


Die Ausstellung in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller, Braubachstraße 9, ist bis 20. November dienstags bis freitags von 10 bis 13 und von 14 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 14 Uhr geöffnet.

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Dieser Artikel ist bis zum 17.05.2022 verfügbar.

 

November 16, 2021