Artikel in der F.A.Z. Rhein-Main-Zeitung: Jeder Pinselstrich ein Vers. Masanori Toyoda in der Galerie Friedrich Müller

26.10.2019 / Chris­toph Schüt­te



Jeder Pinselstrich ein Vers

Ein be­glü­cken­des Er­eig­nis: Ma­s­an­o­ri To­yo­da in der Ga­le­rie Fried­rich Mül­ler

Jo­hann Ge­org Gey­ger dürf­te die Hän­de über dem Kopf zu­sam­men­ge­schla­gen ha­ben an­ge­sichts die­ser Wand­lung sei­nes Schü­lers. Die Wen­dung Ma­s­an­o­ri To­yo­das vom Ge­gen­stand zur rei­nen Abs­trak­ti­on kam gleich­sam aus dem Nichts. An der Stä­del­schu­le gab Gey­gers Schü­ler En­de der sieb­zi­ger Jah­re als Ma­ler zu­nächst die Lein­wand auf, setz­te mit dem Zir­kel ei­nen Kreis, viel­leicht ein Fa­den­kreuz auf das Pa­pier und mit dem Pin­sel ein paar schwar­ze oder sil­ber­graue Stri­che auf wei­ter wei­ßer Flä­che. Das war dann auch schon al­les. An­ge­sichts der ak­tu­el­len Ar­bei­ten des 1953 in To­kio ge­bo­re­nen Künst­lers in der Frank­fur­ter Ga­le­rie Fried­rich Mül­ler möch­te man bei­na­he glau­ben, da­bei sei es seit­her auch ge­blie­ben. Was frei­lich al­len­falls die hal­be Wahr­heit ist.


Nicht nur sind die For­ma­te To­yo­das un­gleich be­schei­de­ner als noch zu Gey­gers Zei­ten.Blei­stift­li­ni­en sind längst aus sei­nen Blät­tern ver­schwun­den, und To­yo­da braucht die Ori­en­tie­rung ge­ben­den Ho­ri­zon­ta­len seit Jah­ren nicht mehr. Bald auch ist die Far­be, sind Acryl und Farb­stift ne­ben dem Gra­phit in sein Werk zu­rück­ge­kehrt. Und doch könn­te sei­ne Kunst re­du­zier­ter wohl nicht sein. Ei­ne zu­nächst mit dem Blei­stift for­mu­lier­te, nach­läs­sig über­mal­te Form, ei­ne zar­te Spur von Bunt­stift und hier ei­ne Hand­voll, dort ein Dut­zend mal ent­schie­den hin­ge­tupf­te, mal zö­gernd ge­setz­te Pin­sel­stri­che in Vio­lett und Tau­ben­blau, Ocker viel­leicht oder Erd­braun, mehr gibt es kaum ein­mal zu se­hen.

Mit­un­ter nimmt To­yo­da ei­ne ein­mal ge­trof­fe­ne Ent­schei­dung – ein war­mes Zie­gel­rot, ein Moos­grün oder ein er­fri­schend küh­les Him­mel­blau – so­gar im nächs­ten Mo­ment, am Tag dar­auf oder auch Wo­chen spä­ter wie­der zu­rück. Als sei wo­mög­lich die­ser ei­ne Strich zu viel oder um ei­ne Win­zig­keit am fal­schen Platz. Die Kor­rek­tu­ren aber blei­ben als schat­ten­haf­te For­mu­lie­rung ste­hen. Wes­halb es schon ein we­nig dau­ern kann, bis der Künst­ler mit ei­nem Blatt zu­frie­den ist. Fünf, sechs, manch­mal gar nur zwei oder drei die­ser ganz selbst­ver­ständ­lich zwi­schen Ma­le­rei und Zeich­nung sich be­haup­ten­den Wer­ke ent­ste­hen im Jahr in To­yo­das Ate­lier auf Sri Lan­ka, wo er seit vie­len Jah­ren zu­rück­ge­zo­gen lebt.

Im­mer, so scheint es, malt der Zwei­fel heim­lich, still und lei­se mit. Wann ei­ne Ar­beit fer­tig sei? „Wenn es voll ist“, so des Künst­lers la­pi­da­re Ant­wort. Doch was an­ge­sichts der mi­ni­ma­lis­tisch an­mu­ten­den Blät­ter, der wie ab­sichts­los aufs Pa­pier ge­wür­fel­ten For­men zu­nächst wie ein Witz an­mu­ten mag, muss auf den zwei­ten Blick wie die heim­li­che Poin­te sei­ner Kunst er­schei­nen. Ei­ne Poin­te, wie sie wo­mög­lich schon Gey­ger ah­nen moch­te, der, ein gro­ßer Ken­ner und lei­den­schaft­li­cher Samm­ler ja­pa­ni­scher Kunst, viel­leicht nicht gleich be­geis­tert war von der Ent­wick­lung, doch sei­nen Meis­ter­schü­ler ein­fach ma­chen ließ.

Denn tat­säch­lich möch­te es vor je­dem der ak­tu­el­len Blät­ter schei­nen, als sei der ein­mal ge­fun­de­nen For­mu­lie­rung nichts hin­zu­zu­fü­gen. Je­der Pin­sel­zug ein Vers, je­der Farb­klang ei­ne neue Stro­phe, ein so bei­läu­fig wie prä­zi­se in­sze­nier­tes Span­nungs­feld auf wei­ter wei­ßer Flä­che: der Zau­ber rei­ner Poe­sie. Als such­ten sich To­yo­das in den lee­ren Raum ge­weh­ten und auf nichts als die­se künst­le­ri­sche Set­zung kon­zen­trier­ten Au­gen­bli­cke den ein­zig an­ge­mes­se­nen Ort für ihr Ver­wei­len. Das darf ei­nen schon mal me­lan­cho­lisch stim­men. Und doch ist die­se Ma­le­rei ein be­glü­cken­des Er­eig­nis. Blatt für Blatt.

Chris­toph Schüt­te

Die Ausstellung in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller, Braubachstraße 9, ist bis 9. November dienstags bis freitags von 10 bis 13 und von 14 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 14 Uhr geöffnet.


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Dieser Artikel ist verfügbar bis zum 30.04.2020


Oktober 29, 2019