Article in the German Newspaper F.A.Z. about the group exhibition with works by Koichi Nasu, Yuko Sakurai and Jürgen Schön at Gallery Friedrich Müller

04.05.2020 / Chris­toph Schüt­te




F.A.Z., 04.05.2020, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 38


Schatten, Fuge, Raum

FRANKFURT Drei Künstler, ein Material: Papier als Grundlage einer Ausstellung in der Galerie Friedrich Müller

Jürgen Schön ist umgezogen. Hat Dresden, wo er seit Studienzeiten fest verwurzelt war, ein für allemal verlassen und lebt nun in Berlin. Nun müsste das den Kunstbetrachter nicht wirklich interessieren, geht es ihn, mehr noch, im Grunde gar nichts an. Doch wer die Arbeiten Schöns schon ein wenig kennt, wer sich vielleicht an seine eigenwilligen, auf das Detail konzentrierten Skizzenbücher erinnert, der mag ahnen, dass ein solch radikaler Wechsel der Bedingungen, unter denen seine Kunst entsteht, nicht gänzlich ohne Folgen bleiben kann. Zumal in diesem zunächst vollkommen abstrakt anmutenden Werk. Einerseits.

Andererseits ist das Reisen und ist mithin die mit den Orten wechselnde Wahrnehmung der Welt seinen Plastiken seit jeher eingeschrieben. Immer schon ließ sich der klassisch figürlich ausgebildete Bildhauer für seine lapidar "Zeichnung" und "Objekt" betitelten Arbeiten von leicht zu übersehenden Details inspirieren; von Raumaussparungen, Pollern vielleicht, architektonischen Großformen aber auch oder von grundrissartigen Strukturen, wie sie dem aufmerksamen Flaneur auf Schritt und Tritt begegnen. Dem in der Fläche wie in der Plastik autonome, nur auf sich selbst verweisende Form zu geben, dabei ist es in den aktuellen Papierarbeiten Schöns erst einmal geblieben. Und doch sieht man die Welt hinter diesen Grau in Grau gehaltenen, in Bleistift, Buntstift und Acryl realisierten Blättern einmal mehr mit anderen Augen.

Das gilt auch für die aktuellen Bilder Yoku Sakurais, die parallel zu den Arbeiten Schöns und dem auf einem konstruktiv-konkreten Fundament entwickelten Werk des 2003 verstorbenen Koichi Nasu in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller zu entdecken sind. Dabei verbindet die drei Positionen auf den ersten Blick nicht sehr viel mehr als eine Vorliebe für das Material Papier. Und doch gehen die drei Positionen wunderbar zusammen. Auch die Welt der 1970 geborenen Sakurai etwa scheint seit drei, vier Jahren sichtlich eine radikal andere. Denn während sie in Europa, wo sie viele Jahre gelebt hat, ihre meist monochromen Arbeiten in Öl auf Holz ausführte, entstehen ihre aktuellen, nach ihrer Rückkehr nach Japan realisierten Werke in Tusche, Aquarell und Öl ausschließlich auf japanischem Yokono-Papier.

Zwar sind Farbe, Farbauftrag und Textur die entscheidenden Parameter geblieben. Die aus dem immerwährenden Auftragen, Wegnehmen und Übermalen des Materials resultierende Spannung aber von Dichte und Transparenz, Tiefe und Oberfläche scheint in den zarten Papierarbeiten noch einmal neu, vor allem aber noch einmal subtiler formuliert. Wie Yuko Sakurai hat derweil auch Koichi Nasu, dessen Nachlass die Galerie Friedrich Müller vertritt, viele Jahre in Europa gelebt. Und tatsächlich hat etwa sein Studium bei Paul Uwe Dreyer in Stuttgart in seinem eigenen Werk markante Spuren hinterlassen. Nasu aber, so zeigen die vergleichsweise späten, vornehmlich um die Jahrtausendwende entstandenen Arbeiten, ist zwar wie sein Lehrer einem konkreten, vom Quadrat und seinen Ableitungen bestimmten Vokabular treu geblieben.

Immer reduzierter sind seine auf Styropor oder auf Aluminium aufgezogenen Blätter über die Jahre geworden, immer präziser auch und ganz auf den Ausschnitt konzentriert. Die Sensationen aber liegen noch stets in der Abweichung von der scheinbar eindeutig definierten Regel. Und im subtil präparierten Detail. Eine winzige Drehung, ein Schatten, der auf eine Form zu verweisen scheint - eine Fuge bloß, die auf einen Raum und eine Linie, die, reichlich vage nur, doch nicht zu übersehen, auf verborgene Schichten und Strukturen blicken mag. Das genügt. Schon stellt sich die Welt, wie wir sie kennen, so irritierend wie vielversprechend anders dar.

CHRISTOPH SCHÜTTE.

DIE AUSSTELLUNG in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller, Braubachstraße 9, ist bis 23. Mai dienstags bis freitags von 10 bis 13 und von 14 bis 18 Uhr sowie samstags von 10 bis 14 Uhr geöffnet.

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May 14, 2020