Zeitungsartikel: Freie Kalligraphie. Hiroko in der Galerie Friedrich Müller

14.09.2026 / F.A.Z. Rhein-Main-Zeitung, Chris­toph Schüt­te



F.A.Z., 14.09.2026, Nr. 213, Rhein-Main-Zeitung, S. 10
 
Freie Kalligraphie
Hiroko in der Galerie Friedrich Müller
 
FRANKFURT. Künstler wie Morita Shiryû, Yu-Ichi oder Okabe Safu haben sich längst aus den Fesseln der traditionellen Kalligraphie befreit. Das gilt vor allem für das Material, zeichnet sich die Schriftkunst etwa Yu-Ichis vor allem durch die Experimentierlust, durch gefrorene Tusche oder in die Farbe eingerührte Asche aus. Eine kleine Revolution, fand die traditionelle Schriftkunst doch Anschluss an die internationale Abstraktion, wurde Impulsgeberin für die Kunst des Informel und die Künstler des Abstrakten Expressionismus.
 
Hiroko Nakajima, die sich als Künstlerin einfach Hiroko nennt und ihre aktuellen Arbeiten in der Galerie Friedrich Müller vorstellt, steht zunächst erkennbar in die Tradition der japanischen Nachkriegsavantgarde. Und tatsächlich hat die 1948 in Osaka geborene Künstlerin bei Okabe Safu und Morita studiert.
 
Die Ausstellung "Gezeiten" zeigt aber: Hiroko geht darüber hinaus. Nicht nur arbeitet sie außer in Tusche auch in Acryl. Statt Zeichen in einer Bewegung auf Papier oder Leinwand zu bringen, legt sie zwei, hier markante, dort flüchtige, Pinselspuren übereinander. Für sie manifestiere sich in den jüngst entstandenen Blättern immer eine Idee von Raum, sagt die Künstlerin: als eine Form und ihr Schatten. Wie ein fernes Echo darauf, dass Hiroko nach ihrem Studium der Kalligraphie Bildhauerei in Köln studiert hat. Die Schriftzeichen sind aber, ganz anders als bei den Sho-Meistern Yu-Ichi und Morita, spätestens mit den aktuellen "Gezeiten" keine mehr.
 
Sondern freie, konzentriert ausgeführte Gesten, in denen man Ebbe und Flut, das Werden und Vergehen alles Lebendigen gespiegelt finden mag. Doch mit einer überraschenden, die Widersprüche des Daseins austarierenden Pointe. Findet sich in den teils bescheidenen, teils wandfüllenden Arbeiten doch die Zeit aufgehoben. Und in jenem Moment verdichtet, in dem sich die Energie der Künstlerin in einer kraftvollen Bewegung entlädt. CHRISTOPH SCHÜTTE
 
"HIROKO - Gezeiten", Galerie Friedrich Müller, Frankfurt, bis 3. Oktober, dienstags bis freitags, 10 bis 13 und 14 bis 18 Uhr sowie samstags, 10 bis 14 Uhr.

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September 21, 2026