Gezeiten – und andere Bilder vom ewigen Fluss des Wassers
Das für Hirokos freie, an Kalligrafie erinnernde Tuschezeichnungen charakteristische Werkzeug ist ein großer, traditioneller japanischer Tuschepinsel aus Pferdehaar, der selbst vor dem Eintauchen in die Flüssigkeit mehrere Kilo wiegt und nur mit beiden Händen geführt werden kann. Seit nunmehr sechzig Jahren arbeitet die Künstlerin mit dem gleichen rundgebundenen Pinsel, besitzt aber auch neuere dieser Art sowie unterschiedliche runde und flache. Dieser über Jahre genutzte Pinsel hat sich Hirokos Arbeitsweise angepasst, sie hat sich in ihn eingeschrieben. Die Spitze ragt stark hervor, seine konische Form hat sich erst langsam ergeben. Verdeutlicht man sich die mehr als eine Unterarmlänge betragende Dimension dieses Pinsels und führt man sich die Menge an Tusche vor Augen, die er aufnehmen muss, um Hirokos großformatige Zeichen zu erzeugen, so wird eines ganz besonders deutlich: Der Malakt ist ein äußerst körperlicher Vorgang, der der Künstlerin physisch und auch mental viel abverlangt.
Der Malgrund, unabhängig davon, ob Leinwand oder Papier, wird auf dem Boden ausgelegt. Die Künstlerin bewegt sich, den Pinsel mit beiden Händen schwingend, in konzentrierter Haltung über den Boden. Diese Bewegungen hat sie zuvor mehrfach durchgespielt und Vorübungen in gleichem Format gefertigt, die nach der finalen Version jedoch entsorgt werden. Zeit manifestiert sich nicht als ökonomisches Prinzip und ist kein Kriterium dieser Kunst, die eher auf Versunkenheit und meditativer Wiederholung basiert. Ständige Übung bis zur Beherrschung eines Schriftzeichens und dessen Verinnerlichung bilden die Grundlage der traditionellen Tuschemalerei. Für diese hoch konzentrierte Ausführung eines Werkes muss die Künstlerin ganz bei sich sein, Zuschauer würden den Prozess stören und ablenken. Unter Anwesenheit von Publikum, so die Künstlerin [I], wäre es eher eine Übung oder Performance. [II]
Erst durch die völlige Beherrschung der Kalligraphie war die japanische Avantgarde in der Lage, die traditionelle Auffassung von „Sho“ zu revolutionieren und sie in etwas Neues zu überführen. Wie bereits Meister Okabe Sôfu, bei dem Hiroko 1970-73 in Tokyo studierte, sowie Morita Shiryû, bei dem sie ihre Kenntnisse 1982 nochmals vertiefte, hat auch Hiroko die Grenzen der traditionellen Kalligraphie überschritten und sie in ausdrucksstarke abstrakte Malerei transformiert, in der der Malakt selbst zum Thema wird. Es geht nicht mehr um lesbare Schriftzeichen, sondern um einen freien Ausdruck, der sich Normen und Konventionen entzieht, der aber respektvoll und gleichzeitig selbstbewusst seinen Ausgangspunkt in der ostasiatische Tradition offenbart. Bis heute ist Hiroko einer in Farbigkeit und Gestik reduzierten Malweise verbunden geblieben. Stets wird der Pinsel nur einmal in die Tusche getaucht, um die Flüssigkeit aufzunehmen, die dann in einem einzigen Bewegungsgestus – einer stillen Choreographie folgend – ein „Motiv“ auf dem Grund bildet.
Bei dieser Maltechnik muss die Künstlerin sowohl die Menge von Tusche und Wasser am Pinsel als auch den Druck, den sie ausübt, exakt bemessen. Es ist wichtig, stets die Kontrolle zu behalten. Der Pinsel gilt als verlängerter Arm des Sho-Künstlers, über den er seine individuelle Handschrift bzw. Malweise erschafft. Kraftvoll und konzentriert – inklusive der Atemtechnik – führt Hiroko den schweren Pinsel zumeist von links nach rechts und bewegt sich tänzerisch um den Bildträger herum. Ihre Malerei folgt klaren Regeln, die der Betrachter zwar nicht erkennt, die aber den einzigartigen Ausdruck ihrer Kunst ausmachen. Die Schwerkraft scheint überwunden, eine Klarheit und Harmonie geht von diesen Werken aus, die nur durch große innere Sammlung möglich ist: Beherrschung der Technik sowie Selbstbeherrschung.
Ohne erneutes Eintauchen verdichtet Hiroko die Binnenzeichnung solange die Tusche nass ist. Der Pinsel muss die Flüssigkeit gut halten und sie erst nach und nach an den Malgrund abgeben. So lässt die Künstlerin Zwischenräume zusammenwachsen, schließt Flächen und erlaubt kleine Pfützen, die glänzend eintrocknen. Gibt der Pinsel keine weitere Tusche mehr ab, so endet auch der Malprozess. Matte und glänzende Partien wechseln sich im Bild ab, die Oberflächen erscheinen je nach Lichteinfall immer wieder anders.
Nicht alles in diesem zuvor mehrfach einstudierten Vorgang ist vorhersehbar. Ist die Künstlerin im Bewegungsfluss, so muss sie weitermachen und die entstehenden Spuren akzeptieren. Tropfen, Kleckse und verstreute Spritzer begleiten dabei immer wieder die Pinselspur und leiten zur Hauptform. Es sind genau diese unvermeidbaren Begleiterscheinungen ihrer kraftvollen Bewegungen, mit denen sie die Grenzen einst erlernter Konventionen hinter sich lässt. Die zufälligen Arbeitsspuren sind Ausdruck der Freiheit und Spontaneität, mit der Hiroko trotz aller Konzentration agiert. Sie machen ihre Bewegungen nachvollziehbar und leiten oftmals den Dialog zwischen Betrachter und Werk ein. Sie sind gleichzeitig Zeichen einer spürbaren Direktheit sowie einer Lebendigkeit voller Poesie, die nur aus einer Einswerdung der Künstlerin – durch ihren Pinsel hindurch – mit dem Malgrund entstehen kann. Hirokos Befindlichkeit und ihr In-der-Welt-Sein im Moment des Machens überträgt sich durch Tempo, Rhythmus und Vehemenz in einer Form von Dialog auf das Werk.
Hirokos Malerei ist sinnlich erfahrbar, der Schaffensprozess nachvollziehbar, doch etwas Magisch-Unbestimmbares haftet den Werken an und zieht in den Bann. Obwohl die kulturellen Wurzeln dieser Kunst sichtbar sind, schafft die Künstlerin etwas Neuartiges, dessen Körperlichkeit ein plastisches Denken vermuten lässt. Ihre raumgreifenden, kräftigen Linien tragen eine plastische Wirkung und ein Volumen in sich, das man vielleicht aus ihrem Studium der Bildhauerei zwischen den Studienaufenthalten in Japan herleiten kann.[III] „Ich sehe immer einen Körper darin“,[IV] so die Künstlerin.
Obwohl immer wieder Serien entstanden sind, in denen Leinwände zuerst mit nachtblauer, grüner oder dunkelroter Gouache grundiert und dann mit Tusche oder Acryl bezeichnet wurden, dominieren die Werke, in denen die schwarze Farbe auf weißem Grund einen größtmöglichen Kontrast bildet. Gerade der Umraum ist wichtig für die Wirkung des Zeichens. Es ist keine freie Fläche, sondern mehr als Ausdehnungsraum zu verstehen, in den sich das zumeist an einem oder mehreren Rändern angeschnittene Zeichen ausbreiten kann, so dass sich seine Struktur entfalten kann.
Tusche ist – anders als Acrylfarbe – ein wundersames Malmittel, dessen Erscheinung sich in zahllosen Varianten zeigen kann. Da sie durch winzige Rußpartikel hoch pigmentiert und Harz als Bindemittel beigemischt ist, ist Tusche leicht zu bewegen und kann deckend, brillant oder fließend bis durchscheinend in sämtlichen Schattierungen von tiefschwarz bis grauschwarz auftreten. Je nach Lichteinfall erscheint das Schwarz mal eher braun, mal grün oder violett. Von einem Künstler der traditionellen ostasiatischen Tuschemalerei wird erwartet, dass er mit schwarzer Tusche mindestens den gleichen Reichtum an Tönen zu schaffen vermag wie mit der Fülle bunter Farben.
Doch Hiroko geht keinesfalls dogmatisch vor. Sie arbeitet je nach Vorhaben mit unterschiedlichen Malmitteln und verbindet diese untereinander. Gerade in den großformatigen, sich z.T. über zwei oder drei Leinwände erstreckenden Arbeiten – wie „Mondlicht A“ (2021) – verbindet sie Acryl mit Tusche oder in der Serie „arbre de vie“ (2017) Tusche und Pigment auf farbig grundierter Leinwand. Aus Jahrzehnten von Erfahrungen kennt sie ihre Farben und deren Fließeigenschaften und weiß diese jeweils einzusetzen.
In den Titeln, die Hiroko ihren Werken gibt, erfolgt seit vielen Jahren immer wieder ein Verweis auf das Wasser und seine Bewegungen.[V] Wasser begleitet den Menschen in seinen unterschiedlichsten Zuständen als Regen, Fluss oder Meer und ist für Hiroko sowohl als Element als auch als Sehnsuchtsort von großer Bedeutung: „Es kann schön, geschmeidig oder bedrohlich sein. Das Wasser bewegt mich immer wieder.“[VI]
In der aktuellen Bilderserie „Gezeiten“ nutzt die Künstlerin eine neuartige Arbeitsweise: Das Werk entsteht nicht mehr mit einer einzigen Pinselfüllung und aus einem Bewegungsimpuls, sondern – Ebbe und Flut vergleichbar – aus zwei aufeinanderfolgenden Bewegungen. Es gibt eine sehr helle, graue Farbspur, die die Künstlerin mit einem Flachpinsel aufträgt. Stunden oder Tage später initiiert sie einen Dialog, indem sie auf diese Vorgabe mit einer schwarzen, dominanten Geste reagiert, die mal als Parallel- und mal als Gegenbewegung ausgeführt wird. Das kraftvolle Schwarz suggeriert die alles vereinnahmende Flut, in der die Phase der Ebbe nur noch als Erinnerung nachklingt.
In diesen Werken wird der sonst harte Kontrast von Schwarz und Weiß gemildert, Grauwerte führen zu sanfteren Übergängen. Der Fluss der hochverdünnten Farbe macht auf das Phänomen der permanenten Veränderung aufmerksam. Hirokos künstlerische Sprache erweitert sich durch diesen Schritt in eine neue Dimension, in der sie einmal mehr die traditionellen Wurzeln hinter sich lässt.
Petra Oelschlägel
Text aus dem Katalog: HIROKO - when black turns to blue, 2026
[I] im Gespräch mit der Autorin im Juli 2026
[II] z.B. Strunde-Quelle, Herrenstrunden im Rahmen des Bergisch Gladbacher Kultursommers, 17.10.2021
[III] Fachhochschule für Kunst und Design, Köln, bei Karl Burgeff und Daniel Spoerri 1975-81
[IV] S. Fußnote 1
[V] z.B. Strömung (2003), Wasserspur (2006), Kleine Welle (2007), Confluence (2012)
[VI] s. Fußnote 1
