Artikel in der F.A.Z. Rhein-Main-Zeitung: Das Quaken der Frösche. Inoue Yu-Ichi bei Japan Art

F.A.Z. RHEIN-MAIN-ZEITUNG, KULTUR, 22.04.2022, SEITE 42



F.A.Z., 22.04.2022, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 42

Das Quaken der Frösche
FRANKFURT Inoue Yu-Ichi bei Japan Art

Es ist eine einmalige Gelegenheit. Schließlich kennt man Inoue Yu-Ichi (1916-85) in Europa vornehmlich als jenen Künstler, der, im Anschluss an seinen Lehrer Ueda Sokyu, die traditionelle Kunst der Kalligraphie ganz neu gedacht hat. Der, früh auch im Westen entdeckt und zur zweiten Kasseler Documenta, zur Biennale nach São Paulo oder ins New Yorker Museum of Modern Art eingeladen, doch ein großer Unbekannter des Kunstbetriebs geblieben ist. Was wohl zumindest auch der Tatsache geschuldet ist, dass er die große Bühne des Kunstbetriebs im Zweifelsfall doch lieber mied - und statt auf Partys, Vernissagen und Empfängen zu posieren, zeitlebens Volksschullehrer blieb.
Dass es Yu-Ichi indes auch in Japan nicht ganz einfach hatte, weil seine in einer einzigen entfesselten Bewegung auf die Fläche getanzten Arbeiten mit der traditionellen Schriftkunst nichts gemein haben außer ihrem Vokabular - den klassischen Zeichen also etwa für "Hana", was so viel wie Blume heißt, "Tori" für Vogel oder "Ume" für die Pflaumenblüte -, lässt sich in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller, die sein Werk exklusiv in Europa vertritt, denn auch nur schwerlich übersehen.
Nicht nur sprengte Yu-Ichi den traditionellen, auf Pinsel, Tusche und Papier beschränkten Materialkanon, wenn er etwa mit gefrorener Tusche, mit untermischter Asche oder Gelatine experimentierte. "Jedes Blatt", so Yu-Ichi einmal, entstehe "aus der Dynamik des reinen Lebens in jedem Augenblick".
Insofern ist ihm die Kalligraphie und sind ihm "Hana", "Tori" oder "Yama" (Berg) denn auch stets mehr als nur ein Zeichen. Sondern ein immer neu und anders sich ausnehmendes Bild, das in seiner radikalen Expressivität mehr über seinen Autor als über sein Motiv verrät. Und evident erscheinen lässt, warum das Werk Yu-Ichis in einem Atemzug mit den großen Namen der westlichen Avantgarden seiner Zeit genannt wird wie Franz Kline, Robert Motherwell, Henri Michaux oder Pierre Soulages.
Darüber hinaus freilich kann die Ausstellung mit "Juroku Rakan" oder, nach einem Gedicht Shinpei Kusanos, mit "Kaeru Tanjo-sai" eine Handvoll Blätter aus dem Nachlass zeigen, die sich mit ihren mit dem Pinsel oder dem Graphitstift aufs Papier geworfenen Versen von quakenden Fröschen und den vor langer Zeit blühenden Hortensien von den stets ein einziges Zeichen variierenden Arbeiten wesentlich unterscheiden. Für den staunenden Betrachter nehmen sie sich aus wie konkrete Poesie. Auch das eine einmalige Gelegenheit. Manch eines der prachtvollen Blätter war gleich nach der Eröffnung schon verkauft. CHRISTOPH SCHÜTTE

Die Ausstellung in der Galerie Japan Art, Frankfurt, Braubachstraße 9, ist bis 30. April dienstags bis freitags von 10 bis 13 und 14 bis 18 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr geöffnet.
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Dieser Artikel ist bis zum 28.10.2022 online verfügbar.

April 23, 2022