Artikel in der F.A.Z. Rhein-Main-Zeitung: Nichts als Gespenster. Hideaki Yamanobe bei Friedrich Müller

11.10.2022 / Chris­toph Schüt­te
F.A.Z., 11.10.2022, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 50

Nichts als Gespenster
Hideaki Yamanobe bei Friedrich Müller

FRANKFURT. Minimalistisch hat man seine Kunst schon immer nennen wollen. Auch wenn in den frühen Papierarbeiten Hideaki Yamanobes andere Fragen im Zentrum der malerischen Überlegung zu stehen scheinen als die nach der größtmöglichen Reduktion: Figur und Grund, Textur und Oberfläche, hier und da auch eine nachgerade expressive Geste, die die Komposition erst spannungsreich beschließt. Doch sonst ist hier schon alles da, was auch seine aktuellen Leinwandarbeiten auszeichnet. Das Interesse an der Monochromie etwa, die Beschränkung auf die Nichtfarben Schwarz und Weiß und den endlos weiten Raum dazwischen. Und keineswegs zuletzt die Vorstellung des Bildraums als erfüllt von nichts als Klang. "Klangassoziationen" hieß vor mehr als zwanzig Jahren seine erste Ausstellung in der Galerie Friedrich Müller, die Musik von Steve Reich oder John Cage begleitet sein Schaffen seit Jahrzehnten.
Längst aber, so zeigen Arbeiten wie "Through the Clouds" oder das in Acryl und Sand auf Nessel entstandene "Whisper of the Wind", ist die Idee der Natur, mitunter sogar die konkret geschaute Landschaft als Referenz in seine Malerei hinzugetreten. Selbst wenn die Gemälde des 1964 geborenen Künstlers, der einst auf Empfehlung von Karl Bohrmann in das Programm der vornehmlich der japanischen Kunst verpflichteten Galerie aufgenommen wurde, nicht Berge, Täler oder einen großen Himmel zeigen, sondern ein wolkenartiges oder nebliges Allover. Als lenke man seine Schritte orientierungssuchend durch den Nebel, taucht der Betrachter in Yamanobes Bilder ein, nur um sich im Anschluss an John Cage in einem Raum gefügt aus nichts als Klang und Stille zu verlieren. Hier mag man nach einer Weile einen Höhenzug ausmachen, dort einen Baum. Indes, im Nebel sieht man alleweil Gespenster. Und mit jeder der opaken Schichten löst sich die Welt vor unseren Augen weiter auf. CHRISTOPH SCHÜTTE


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Oktober 11, 2022