Zeitungsartikel in der F.A.Z. über die Ausstellung von Jürgen Schön in der Galerie Friedrich Müller

Treppe, Gitter, Heizungsrohr (Christoph Schütte / 11.05.2018)



F.A.Z. - Kul­tur (Freitag, 11.05.2018)

Treppe, Gitter, Heizungsrohr
Jürgen Schön in der Galerie Friedrich Müller

Vielleicht sollte man mit dem gerade erst auf seinem Weg nach Frankfurt Seite um Seite mit flüchtigen Blicken aus dem Zug gefüllten Skizzenbuch beginnen. Dann kommt man der Kunst von Jürgen Schön womöglich näher. „Diese Nische an der Treppe etwa“, zeichnet der Dresdner Künstler vor unseren Augen gerade eine Linie in die Luft, „das Rollgitter von gegenüber oder diese beiden Heizungsrohre: Das könnte auch in einer meiner Zeichnungen auftauchen.“

 

Und so geht es Schön und mit ihm dem Betrachter dieser Tage allenthalben in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller. Dabei ist es dem 1956 geborenen, zunächst klassisch figürlich ausgebildeten Bildhauer nicht um eine Nachbildung banaler Gegenstände zu tun, im Gegenteil. Es sind die Dinge, die, mit den Augen Jürgen Schöns betrachtet, je länger, desto mehr der Kunst auf wundersame Weise ähnlich werden. Ein immer wieder außerordentlich verblüffender Effekt. Sind doch die stillen, in sich ruhenden Skulpturen wesentlich abstrakt. Dabei geht es ihm durchaus um klassisch bildhauerische Fragen. Um das Leichte und Schwere etwa, um Maß und Proportion und Dichte und Volumen oder um Struktur und Oberfläche.

 

Die Welt aber stellt sich für diesen Künstler zunächst vor allem spröde und prosaisch dar: als konkrete Form im Raum. Eine Form freilich, die Schön radikal auf ihre Grundbedingungen, auf ihren geometrischen Kern herunterbricht. Auf Kegel und Zylinder etwa, Quadrat und Polyeder und auf Prinzipien wie Reihung, Teilung oder Wiederholung. Das gilt in der Fläche, in den Zeichnungen und Skizzen also, geradeso wie in den nur gelegentlich in Bronze oder in Beton gegossenen, vorwiegend jedoch aus Pappmaché gefertigten Plastiken. Damit erweist sich sein Werk als einer Dresdner Tradition zugehörig, für die etwa der im Westen noch immer beschämend wenig bekannte Name Hermann Glöckner steht, dessen Arbeiten gerade auch im Frankfurter Städel zu entdecken sind.


Chris­toph Schüt­te

Quelle: F.A.Z., 11.05.2018, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 38, Christoph Schütte.
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Artikel verfügbar bis 12.11.2018


Mai 11, 2018