Artikel in der F.A.Z. Rhein-Main-Zeitung über die Ausstellung von HIROKO in der Galerie Friedrich Müller

Wassertänze (06.03.2019 /Christoph Schütte)

HIROKO, Wassertanz D, Weißes Gouache auf Bütten, 2017, 37 x 37 cm


F.A.Z., 06.03.2019, Kultur (Rhein-Main-Zeitung), Seite 34

Wassertänze

In der Frankfurter Galerie Friedrich Müller sind Arbeiten der japanischen Künstlerin Hiroko Nakajima zu sehen

"Der Pinsel ist für uns, die wir Sho schreiben, keineswegs darauf beschränkt, nur ein Gerät zu sein", hat Morita Shiryû einmal gesagt. Vielmehr sei der traditionelle, mitunter nur mit beiden Händen überhaupt zu führende Pinsel den modernen Schriftkünstlern ein Ort der Freiheit. Hiroko Nakajima, die sich als Künstlerin schlicht Hiroko nennt, dürfte das vorbehaltlos unterschreiben. Immerhin hat die 1948 in Osaka geborene Künstlerin bei Okabe Sofu und Morita Shiryû, zwei der herausragenden Erneuerer der modernen japanischen Kalligraphie, studiert. Und diese Freiheit kostet sie in ihren aktuellen Arbeiten, die derzeit in der vornehmlich der zeitgenössischen Kunst Japans verpflichteten Frankfurter Galerie Friedrich Müller zu sehen sind, genussvoll aus.

Als Vertreterin der zweiten Generation der schriftkünstlerischen Avantgarden geht sie sogar noch einmal einen Schritt weiter. Oder zwei. Denn während die großen Meister Morita oder auch Yu-Ichi bei aller neu gewonnenen Freiheit noch stets vom Schriftzeichen ausgegangen waren, spielt es in Hirokos "Vague blanche" oder der "Arbre de vie"-Folge im Grunde keine Rolle mehr. Die Kalligraphie, hier ist sie sichtlich Bild geworden. Doch der Weg zu den aktuellen, im Malprozess intuitiv landschaftliche Impressionen reflektierenden, besser: auf die Verfasstheit der Natur verweisenden Arbeiten war ganz offensichtlich weit.

Nicht nur hatte sich Hiroko, die seit ihrer Kindheit vornehmlich in Deutschland lebt, nach ihrem ersten Studium bei Sho-Meister Okabe in Tokio zunächst wieder den westlichen Avantgarden zugewandt - und bei Daniel Spoerri in Köln den "Nouveau Réalisme" studiert. Auch die kalligraphischen Blätter der neunziger Jahre halten noch entschieden an den klassischen Techniken und Materialien fest und tanzen mit Pinsel und schwarzer Tusche einen nachgerade klassischen "Berg", den "Heftigen Regen" oder den "Tanz der Libelle" aufs Papier, dass es eine schriftkünstlerische Poesie hat. Jetzt aber, in ihren aktuellen, vorwiegend während ihrer Aufenthalte in der Provence entstandenen Werken, ist nichts mehr, wie es der Tradition gemäß einst war.

Vielmehr hat Hiroko die rohe Leinwand statt des Papiers und weiße Gouache und Pigmente statt der schwarzen Tinte für sich entdeckt. Mehr noch, die hochkonzentriert ausgeführten Zeichen sind im Grunde keine mehr, sondern die reine Abstraktion. Das lässt womöglich manche Traditionalisten etwa angesichts der auf olivfarbenem Grund realisierten Tableaus der knorrigen "Arbre"-Folge erst einmal ein wenig mit den neuen Werken fremdeln. Wo es gelingt aber wie auf der dreiteiligen "Vague Blanche" oder den intimen Formaten der "Wassertänze" auf Bütten, mag man sich von den berührend zarten, in einer einzigen Bewegung festgehaltenen Augenblicken kaum mehr trennen.

CHRISTOPH SCHÜTTE

Die Ausstellung in der Frankfurter Galerie Friedrich Müller, Braubachstraße 9, ist bis 23. März dienstags bis freitags von 10 bis 13 und von 14 bis 18 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr geöffnet.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom Frankfurter Allgemeine Archiv

Artikel verfügbar bis zum 09.09.2019




März 6, 2019