Artikel in der F.A.Z. Rhein-Main-Zeitung über die Ausstellung „SHO - Moderne japanische Schriftkunst“ in der Japan Art Galerie

Dynamik reinen Lebens - Moderne japanische Schriftkunst in Frankfurt (20.07.2018 /Christoph Schütte)


Uno Sesson, „sô“ (Speicher), Tusche auf Papier, um 1960

Dynamik reinen Lebens
Mo­der­ne ja­pa­ni­sche Schrift­kunst in Frank­furt

„Der Pin­sel“, so hat es Mo­ri­ta Shiryû ein­mal for­mu­liert, „ist für uns, die wir Sho schrei­ben, kei­nes­wegs dar­auf be­schränkt, nur ein Ge­rät zu sein.“ Er sei viel­mehr ein Ort der Frei­heit. Mag sein, dass das im 21. Jahr­hun­dert und in west­lich ge­präg­ten Oh­ren bei­na­he pa­the­tisch klingt. Für Ja­pan und die Kunst der Kal­li­gra­phie hin­ge­gen mar­kiert ei­ne sol­che For­mu­lie­rung ei­nen ra­di­ka­len Bruch mit der Tra­di­ti­on. Und ei­nen Auf­bruch, der mit der Re­zep­ti­on der Ar­bei­ten Mo­ri­tas und schließ­lich dem viel­be­ach­te­ten Auf­tritt Yu-Ichis auf der zwei­ten Kas­se­ler Do­cu­men­ta seit den fünf­zi­ger Jah­ren auch im Wes­ten für Auf­se­hen sorg­te.

Ob Franz Kli­ne oder Ro­bert Mo­ther­well, Pier­re Sou­la­ges oder Hans Har­tung – die Spu­ren, die die mo­der­ne ja­pa­ni­sche Schrift­kunst in ih­ren Kunst­wer­ken hin­ter­las­sen hat, sind schwer zu über­se­hen. Wenn nun frei­lich die vor­nehm­lich der ja­pa­ni­schen Ge­gen­warts­kunst ver­pflich­te­te Frank­fur­ter Ja­pan Art Ga­le­rie Fried­rich Mül­ler un­ter dem schlich­ten Ti­tel „Sho“ Pa­pier­ar­bei­ten aus den sech­zi­ger und sieb­zi­ger Jah­ren vor­führt, dann kon­zen­triert sie sich nicht auf die Re­zep­ti­on in Eu­ro­pa und den Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Viel­mehr sieht man in der Schau die Er­schüt­te­rung ge­spie­gelt, die die Kal­li­gra­phie im tra­di­ti­ons­be­wuss­ten Ja­pan sei­ner­zeit er­fass­te.

Si­cher, Yu-Ichi, Mo­ri­ta Shiryû, Uno Ses­son, Ha­ya­shi Shi­sui und Ta­kes­hi­ma Kei’un blei­ben über­lie­fer­ten Tech­ni­ken und Ma­te­ria­li­en treu. Pin­sel, Tu­sche und Pa­pier, das ist in je­dem die­ser Blät­ter al­les. Stets kon­zen­trie­ren sich die Künst­ler auch wei­ter­hin auf ein ein­zi­ges Zei­chen, das sie in ei­ner ein­zi­gen Be­we­gung zu Pa­pier brin­gen. Wie sie aber die klas­si­schen Pa­ra­me­ter neu in­ter­pre­tie­ren, ist atem­be­rau­bend. Ob Mo­ri­ta hauch­zar­te Schat­ten und Ver­läu­fe ein­setzt, Yu-Ichi mit ge­fro­re­ner Tu­sche und Ge­la­ti­ne ex­pe­ri­men­tiert und das Zei­chen für „Ha­na“, Blu­me oder Blü­te al­so, in fast wand­fül­len­dem For­mat rea­li­siert, oder Uno Ses­sons dy­na­misch über das Pa­pier fe­gen­der Pin­sel den „Spei­cher“ ge­ra­de­zu im­plo­die­ren lässt: auf die Les­bar­keit kommt es von nun an nicht mehr an.

Für Tra­di­tio­na­lis­ten zwei­fel­los ein Sa­kri­leg. Für die zeit­ge­nös­si­sche ja­pa­ni­sche Schrift­kunst „ein Be­frei­ungs­schlag“, wie die Ga­le­ris­tin Chris­ta Mül­ler sagt. Im Grun­de ist den zeit­ge­nös­si­schen Sho-Künst­lern je­des ein­zel­ne der Zei­chen ei­ne hoch­kon­zen­trier­te, in der Be­we­gung des Pin­sels sich er­fül­len­de Er­fah­rung. „Je­des Blatt“, so Yu-Ichi ein­mal, ent­ste­he „aus der Dy­na­mik des rei­nen Le­bens in je­dem Au­gen­blick.“ Das ist al­les. Und die gan­ze Kunst.

Chris­toph Schüt­te

Die Aus­stel­lung in der Frank­fur­ter Ja­pan Art Ga­le­rie Mül­ler, Brau­bach­stra­ße 9, ist bis zum 25. Au­gust zu se­hen, vom 1.​ bis 15. Au­gust nach Ver­ein­ba­rung, sonst diens­tags bis frei­tags von 10 bis 13 und 14­ bis 18 Uhr, sams­tags von 10 bis 14 Uhr.

Quelle: F.A.Z. Rhein-Main-Zeitung vom 20. Juli 2018, Autor: Christoph Schütte
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Der Artikel ist verfügbar bis: 21.01.2019


Juli 20, 2018